Einwurf: Hitzekollaps oder lieber Bewegungsmangel?
Neulich war ich bei über 30 Grad über den Mittag joggen. Da hat mich ein Nationalratsmitglied gefragt, ob das denn nicht ungesund sei.
Mir ist durchaus bewusst, dass Sport bei Hitze ohne Anpassung ungesund ist und dass das Herz-Kreislauf-System stark belastet wird. Viel besser wäre ein Training mit reduzierter Intensität, im Schatten oder in den Morgen- und Abendstunden. Was aber, wenn es zu diesen Zeiten aus familiären oder beruflichen Gründen nicht möglich ist, liebe Leserinnen und Leser? Ich habe mich jedenfalls für die Bewegung entschieden und nicht für das Mittagessen nach einem durchgesessenen Vormittag im Sitzungszimmer. Und ja, es war sehr heiss, die Ozonwerte zu hoch und getrunken habe ich auch nicht genug.
Schlau oder nicht - haut mich jetzt nicht in die Pfanne.
Das Thema Hitze ist in aller Munde und wird uns auch zukünftig beschäftigen. Aber auch den Bewegungsmangel können wir nicht unter den Tisch wischen. Fachjournal „Lancet Global Health“ veröffentlichte kürzlich eine Studie zu „Hitze und körperlicher Aktivität“; Fakt ist, Hitze reduziert die körperliche Aktivität weltweit stark.

Besonders betroffen sind Frauen und Menschen im globalen Süden. Ganz generell nimmt mit zunehmender Hitze die körperliche Aktivität ab und das hat spürbare Auswirkungen auf die Gesundheit und auch die Lebenserwartung. Mit jedem zusätzlichen Hitzemonat steigt der Anteil derjenigen, die sich zu wenig bewegen, weltweit um rund 1,4 Prozentpunkte.
Etwas verwegen zu sinnieren, ob ich nun einen Hitzeschlag erleide beim Training oder meine Gesundheit durch Faulheit gefährde.
Die Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten und hängt stark mit unserem Lebensstil in der Schweiz zusammen. Schweiz kann Hitze nicht - noch nicht. Wir werden sehr schnell pragmatische Lösungen finden müssen, denn bereits diesen Sommer rutschten oder tobten Kinder weniger auf den Spielplätzen, Jugendliche wird es zu heiss auf asphaltierten Schulhöfen Basketball zu spielen oder auf das Velo zu steigen. Ältere Menschen meiden Spaziergänge und Wanderungen.
Die Gluthitze bremst unseren Körper aus und nicht alle haben Lust, in den überfüllten Schwimmbädern zu schwimmen, respektive mangelt es leider sehr oft auch an der Schwimmkompetenz (ein anderes wichtiges Thema...). Klimatisierte Gyms können sich nicht alle leisten und in den oft sehr alten Sporthallen herrschen saunaähnliche Zustände.
Unser Nachbarland Österreich, respektive dessen Sportministerium, ordnete gar an, dass Trainings und Wettkämpfe möglichst verschoben werden. Gestern konnten wir lesen, dass auch bei uns die Dürre den Amateurfussball lahmlegt. Die steppenartigen Fussballfelder sind nicht mehr bespielbar und teilweise müssen Spiele bis weit in den Herbst verschoben werden. Das Klima hat den Schweizersport fest im Griff und allen ist klar, dass die Gesundheit Vorrang haben muss.

Aber genau dort liegt die Krux. Wir können ja nicht einfach praktisch alle Outdoorsportarten lahmlegen oder gar den Schulsport streichen. Hand aufs Herz, wer steigt aktuell nicht lieber in den kühlen Bus als aufs Velo, wer verzichtet auf den Abendspaziergang zugunsten einem kühleren Plätzchen zu Hause?
Genau diese kleinen, täglichen Unterlassungen führen über längere Zeit dazu, dass sich ganze Bevölkerungsgruppen insgesamt weniger bewegen.
Lernen können wir wohl von Nationen, die hitzeresistenter sind. Klar ist, dass es eine körperliche Anpassungsphase braucht. Auch Profis können nicht einfach bei Hitze leisten. Da sind gut geplante Anpassungsprozesse gefordert. Der grösste Unterschied liegt aber im Lebens- und Arbeitsstil. Sport- und Bewegung finden in den Morgenstunden oder Abendstunden statt. Gearbeitet wird in einem anderen Rhythmus; die Siesta lässt grüssen.
Bei hohen Temperaturen sinkt die Leistungsfähigkeit auch bei der Arbeit und diese wird in den kühleren Stunden erst wieder aufgegriffen. Der Tag verlängert sich in den Abend so auch das Abendessen. Die Ernährung ist in ganz heissen Gebieten wie in Indien auch anders - nämlich wasserreicher und die Getränke sind salzhaltig mit kühlendem Minzearoma. Sicherlich müssen wir uns sehr schnell mit Raumplanung und Infrastruktur beschäftigen aber auch mit der Saisonplanung.
Es ist schon irrsinnig, dass Fussballspiele in den Herbst verschoben werden müssen und gleichzeitig spielen unsere Jüngsten in einer Halle Eishockey mitten im Sommer bei rekordhohen Temperaturen. Es kann auch nicht sein, dass wir im Breitensport mit Kühlwesten trainieren und dauernd Ice Slurries (Eismatschgetränk) schlürfen, um die Kernkörpertemperatur zu senken. In der wohlhabenden Schweiz müssen klimatisierte, öffentliche Räume Thema werden.

Flexiblere Arbeitszeiten und raumplanerische Massnahmen sind unumgänglich. Schattige, öffentliche Plätze ermöglichen vielen trotz Hitze, mindestens moderate Bewegung. Für unsere Kinder und Jugendlichen wird der obligatorische Schulsport das wichtigste Bewegungsförderungsinstrument. Dort müssen wir garantieren, dass dieser stattfindet, egal wie heiss oder kalt es ist. Umso wichtiger, dass wir genügend Turnhallen planen - auch die Vereine werden es uns danken.
Wenn Hitze dazu führt, dass Menschen ihre Alltagsgewohnheiten ändern und sich weniger bewegen, hat das immense Folgen für die öffentliche Gesundheit.
Nun wünsche ich ihnen trotz Hitze sportliche Tage. Gönnen sie sich eine Glace oder ein alkoholfreies, salzhaltiges Bier im Nachgang.