Einwurf «Run, Forrest, run!»

Einwurf «Run, Forrest, run!»
@JOUR Kolumne: swiss-image.ch/Photo Michael Buholzer

Laufen liegt im Trend – und ist heute auch zu einem gemeinsam erlebten Lebensgefühl geworden.

Laufen ist beliebter denn je. Laufgruppen schiessen wie Pilze aus dem Boden und Volksläufe verzeichnen Teilnehmerrekorde. Nach der Pandemie befürchteten wir einen Einbruch bei den Läufen. Nach einem einjährigen Knick haben viele Menschen das Laufen für sich entdeckt und plötzlich den Mut und die Lust aufgebracht, auch an einem Laufwettbewerb teilzunehmen.

Aber wahrscheinlich haben sie in all den Jahren bereits einmal einen Laufboom erlebt oder ihre Eltern. Das Phänomen ist nicht neu, aber anders getrieben. Im Kultklassiker joggt der Antiheld Forrest Gump während drei Jahren pausenlos, um sich den Frust von der Seele zu laufen. Und so hinterlässt das Zitat «Run, Forrest, run!» geistig und sportlich tiefe Spuren. Während der Film mit dem bekannten Schauspieler Tom Hanks auch den Laufboom der 70er- und 80er-Jahre belichtet, stecken wir bereits wieder im Lauffieber. Aber wieso kann sich eine rudimentär simple Sportart in solche Sphären hieven?

Filmreferenz: Forrest Gump rennt im Westen der USA

Zeitweise wurde die Laufszene durchaus als muffig, langweilig und spiessig betitelt – plötzlich schnüren alle wieder die Laufschuhe.

Was treibt die Laufanhänger und -anhängerinnen an?

Der Fakt, dass dem Menschen das Laufen angeboren ist, sei es einst bei unseren Vorfahren beim Jagen und Sammeln, erstaunt uns nicht, aber dass schon früh an den Laufutensilien gebastelt worden ist, war mir unbekannt. So lernte ich neulich, dass Bewohner der Kalahariwüste Spikes nutzten, um im sandigen Boden besser vorwärtszukommen; das belegen Funde von Bastsandalen mit Dornenspikes.

Ende des 19. Jahrhunderts startete die Blütezeit des Laufsports und die heute gängigen Laufdistanzen wurden populär. Rekorde purzelten und die Leistung stand im Zentrum. Laufclubs suchten nach Talenten, aber auch der Breitensport fand in der Bewegung einen festen Platz. Der US-Amerikaner Bowerman gründete Nike und produzierte Laufschuhe für die breite Masse. Er landete einen grossen Coup mit dem Nike Waffle Racer, dem ersten speziell für Frauen konzipierten Laufschuh. Das Rennen um die Marktherrschaft war eröffnet.

Der Nike Waffle Racer. Bild: Sneakerjagers 

Besonders episch ist die Rivalität zwischen Nike und Adidas. Diese hält sich hartnäckig bis heute. Das «Carbonzeitalter» ist längst eingeläutet. Vielleicht haben sie mitverfolgt, dass Adidas, respektive Europa aktuell die Nase vor Nike und den USA hat, was mich in der aktuellen geopolitischen Lage etwas schmunzeln lässt. Aber lassen wir die Politik beiseite.

Der Kenianer Sabastian Sawe pulverisierte kürzlich den Weltrekord und lief unter die magischen zwei Stunden. Bei den Frauen schmückt sich die Äthiopierin Tigist Assefa mit dem Rekord unter 2:10 Stunden. Ihre Waffen sind die ultraleichten Adizero-Adios-Pro-Evo-Wegwerfschuhe. Die Grenzen des sportlich Möglichen haben sich verschoben. Diese Rekorde kümmern unsere Laufangefressenen nur marginal.

Die Millennials haben das einsame Laufen, immer auf Bestzeit getrimmt, verwandelt. Das Joggen hat sich zum sozialen Event gemausert und die zahlreichen Jogginggruppen bieten Möglichkeiten für Begegnungen. Eine Gemeinschaft, die sich inszeniert und jedes Training zum digitalen Statement nutzt. Gemeinsam durch Gassen und Strassen, Wälder und Seeufer laufen sie. Körperliche Fitness ist wichtig, doch es geht auch um Image und Lifestyle. Der einsame Wolf ist nur selten sichtbar, vielmehr tummeln sich «Shakeoutjoggende» in den belebten Quartieren der Städte als Community.

Ein Lebensgefühl wird transportiert und Menschen teilen ihre Runninggeschichten wie nie zuvor (The Science Survey, 2025). Diese Faktoren unterstützen den Lauftrend, aber natürlich auch der Sachverhalt, dass es nichts als ein paar Laufschuhe braucht. Fortschritte sind schnell sichtbar und haben einen immensen Einfluss auf Fitness und Wohlbefinden. Leistungsdruck gibt es nicht – alle sind Heldinnen und Helden.

Wer sich trotzdem messen will, macht das an einer der zahlreichen Laufveranstaltungen. Beispielsweise diesen Samstag (09. Mai 2026) am GP Bern oder im Juni an den Bieler Lauftagen. So wird auch Bundesrat Beat Jans in Bern Teil der Laufbewegung sein. Der erste Bundesrat, der seine Leidenschaft aktiv am GP teilt.

Gemeinsam am Start mit Bundesrat Beat Jans. Foto: Raphael Moser
Viele trauen sich einen Marathon zu und immer mehr «finishen» diesen auch.

Interessanterweise sind die durchschnittlichen Zielzeiten über die letzten Jahrzehnte deutlich von etwa 3:52 Stunden im Jahr 1986 auf heute rund 4:32 Stunden gestiegen. Das bestätigt, dass immer mehr Freizeitläufer den Start wagen. Es spiegelt den kulturellen Wandel wider, der Sport, Gesundheit und Lebensstil neu miteinander verbindet.

Und nun, liebe Leserinnen und Leser, schnüre ich die Laufschuhe nach dem Motto: «Run, Forrest, run!»